Navigare necesse est, vivere non est necesse…

Navigare necesse est

Navigare necesse est” bedeutet soviel wie „Seefahren ist notwendig.“, ist aber nur ein Teil des gesamten Spruches bzw. genügt allein nicht seiner Bedeutung. Das Diktum geht auf den griechischen Spruch Πλεῖν ἀνάγκη, ζῆν οὐκ ἀνάγκη. zurück und lautet in seiner ganzen Form:

Navigare necesse est, vivere non est necesse.“ also „Seefahrt tut not, Leben tut nicht not.“, doch wichtig ist in diesem Zusammenhang noch die spätere Ergänzung: „Sed sine vita non navigamus.“, was soviel bedeutet wie „Aber ohne Leben fahren wir nicht zur See.“ und womit das Leben wieder in den Vordergrund rückt.

Navigare necesse est, vivere non est necesse“ ist auch die Inschrift am Haus der Seefahrt in Bremen und in der Aula der Marineschule Mürwik der Deutschen Marine. Traditionell wird auch der Bau eines Schiffes und seine Übergabe von diesem Spruch begleitet.

Navigare necesse est. Vivere non est necesse

(Pompeius Magnus: 106-48 BC)

Der Satz, der «landläufige» Überzeugungen erschüttert. Der römische Feldherr Pompejus, so wird es von Plutarch überliefert, soll «Navigare necesse est, vivere non est necesse.» Matrosen zugerufen haben, die sich wegen eines Sturms weigerten, auf ihre Schiffe zu steigen. Aus einem Aufruhr der Natur und der Temperamente geboren, bekräftigt die Aussage, dass der Mensch dort, wo er Horizonte überschreitet, auch auf die Grenzlinie von Tod und Leben gerät.

Hätte Pompejus nur die Sache selbst, die Ausfahrt seiner Schiffe, gemeint, der Satz wäre den Beobachtern der denkwürdigen Szene als eine unerhörte Zumutung im Gedächtnis geblieben. Kein Matrose betritt ein Schiff, wenn man ihm dafür den Abschied vom Leben verspricht, wie beispielsweise als Auslöser für die Matrosenrevolte 1918 im Deutschen Kaiserreich. Die Notwendigkeit der Seefahrt steht für den Feldherren und Führer gestern wie heute ausser Zweifel. Die Notwendigkeit der unversehrten Rückkehr allerdings auch.

Erst wenn man die metaphorische Seite berücksichtigt, enthüllt die Konstruktion ihren Sinn. Seefahrt als Umschreibung des Lebenswegs wird in ein Spannungsverhältnis zum Leben einzig nach unserer biologischen Ausstattung gesetzt. Als Landwesen gehört der Mensch nicht aufs Meer, sowenig wie ihn seine Anlagen dazu befähigen, in den Lüften, im Weltraum oder auch nur auf den höchsten Bergen zu leben. Dass ihm dies gelingt, unterscheidet seine Daseinsform von der anderer Lebewesen, die sich ausschliesslich innerhalb der für sie geschaffenen Räume aufhalten. Seefahrt ist, wie menschliches Leben überhaupt, eine Absage an die Schranken, die uns die Natur auferlegt.

Der zweite Teil der Aussage verwirft demnach das Beharren auf unserer Herkunft von der Natur. Dem bewusstlosen, reflexiven Agieren in von ihr ein für allemal vorgegebenen Verhältnissen spricht Pompejus die Notwendigkeit ab. Sein Aufruf ist ein Entwurf für das Leben nach der Natur, in einem zeitlichen Sinn. Wo er befolgt wird, bilden sich, als die eigentlichen Lebensfundamente, Gesellschaft, Zivilisation und Kultur.

Pompejus als guter Führer folgte diesen Grundsätzen. Er wollte seinen Matrosen die Angst vor dem Aufbruch ausreden, indem er ihnen bestätigte, dass sie allen Grund hatten, solche Ängste zu hegen. Der Satz  zielt darauf ab, dass es unsere Aufgabe ist, uns selbst die Widersprüchlichkeit unserer der Natur entfremdeten Lebensführung auch begreifbar zu machen.

Untrügliches Kennzeichen eines allgemein gewordenen Zitats ist die Veränderung seiner ursprünglichen Form, die zugleich hartnäckig als die allein richtige verteidigt wird. Als sich der Satz des Pompejus von der Notwendigkeit der Seefahrt zu verbreiten beginnt, wird zuerst die zweite, eigentlich die Begründung liefernde Hälfte für entbehrlich gehalten. «Navigare necesse est»; damit, glaubt man, sei doch alles gesagt.

Freilich wird die Praxis, sich ungeliebter Bestandteile einer Aussage zu entledigen, im vorliegenden Fall immer wieder von Zweifeln beeinträchtigt. Über dem Portal des Hauses «Seefahrt» in Bremen erscheint sie 1545 in einer noch unangetasteten Übersetzung: «Zur See fahren muss man, leben muss man nicht.», bei der jedoch – wohl aus Gründen der Kürze – der zweite Teil weggelassen wurde.

Sie diese «Notwendigkeiten» erst einmal in der Welt, so steigt auch das Lebensrisiko. Insofern artikuliert der Satz des Pompejus, neben seiner metaphorischen Dimension, noch einen unmittelbar Überlebens wichtigen und praktisch gemeinten moralischen Vorbehalt und weiteres Zitat:

«Wer sich in Gefahr begibt, kommt in ihr um.»

Mit dem Schiffbruch gerät das möglicherweise ungute Ende, zu dem die pompejanische Ermunterung führen könnte, noch einmal in den Blick. Das Zögern der reiseunwilligen Matrosen hat seinen benennbaren Grund. Allerdings überlagert auch dabei die Metaphorik den eigentlichen Anlass zur Furcht. Nicht der absehbare biologische Tod, sondern die Warnung vor der Möglichkeit katastrophischer Ereignisse in der allgemeinen Lebensführung steht im Zentrum der Aussage. Gegenstand der Rede sind die vom menschlichen Wagemut herbeigerufenen Metamorphosen des Individuums, zu denen sich philosophische Auslegungen in bunter Vielfalt herbeidenken lassen.

Bemerkenswert an der von Pompejus begründeten Tradition bleibt, dass sie bis heute nicht vollständig ins Beliebige abzustürzen vermochte. Davor bewahrt sie offenbar ihre Bindung an eine nicht bis ins letzte auszurechnende Naturgewalt – die See.

One thought on “Navigare necesse est, vivere non est necesse…

  1. Danke für den informativen Blog, den wir gerne gelesen haben und uns erlauben, in unserem Blog zu empfehlen.
    Mit den besten Grüßen vom sonnigen Meer
    The Fab Four of Cley

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