Können wir uns Interoperabilität noch leisten?

Können wir uns Interoperabilität noch leisten?

Die Lage des Bundeshaushalts und die wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland führen nun seit mehreren Jahren zu stetigen Reduzierungen der finanziellen Mittel der Streitkräfte. Ähnlich verhält es sich, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen, in vielen Staaten, doch seit den 90er Jahren stiegen in Deutschland gleichzeitig die Anzahl der internationalen Einsätze und der dafür benötigten finanziellen Mittel für Modernisierung und Anpassung der Ausrüstung sowie für umzusetztende Reformen an. Andere Staaten haben hingegen entweder ihr internationales Engagement unverändert gelassen, teilweise reduziert bzw. ihr Militär bereits früher als weltweit operierendes Instrument des Parlamentes organisiert. Die politisch initiierten und militärisch notwendigen Reformen der Bundeswehr werden kurz- und mittelfristig weiter zusätzliche Kosten verursachen, bevor neue Strukturen greifen und beabsichtigte Einsparungen langfristig überhaupt eintreten können. Ob dies bei jeder Maßnahme bisher eingetroffen ist oder zukünftig noch eintreffen kann, sei einmal dahingestellt.

Wenn finanzielle Mittel reduziert und gleichzeitig neue Finanzen für die Umsetzung der oben genannten Ziele bereitgestellt werden müssen, wie kann die

nationale und internationale Interoperabilität

– die Fähigkeit zum Zusammenwirken von Systemen, Geräten oder Verfahren der Informationstechnik bzw. zum Informationsaustausch zwischen Informationssystemen[1]

überhaupt noch erreicht bzw. sichergestellt werden und welche Bedeutung hat dies im Bezug auf die neuen Aufgaben der Streitkräfte?

Interoperabilität ist auch unmittelbar verbunden mit der Transformation der deutschen Streitkräfte. Network Centric Warfare (NCW) bzw. die entsprechende deutsche Definition Vernetzte Operationsführung (NetOpFü) bedeutet die Führung und den Einsatz von Streitkräften auf der Grundlage eines streitkräftegemeinsamen, führungsebenenübergreifenden und interoperablen Informations- und Kommunikationsverbundes einzusetzen. Mensch, Technik, Organisation und Prozesse müssen in einem solchen Verbund also in dieser Hinsicht alle “interoperabel” sein, wenn NetOpFü auch zu einem Erfolg führen soll.

Mit der Vernetzte Operationsführung wird technisch und organisatorisch die Möglichkeit geschaffen, z.B. aus dem Bundestag, dem Verteidigungsministerium oder von höheren Kommandobehörden aus direkt die Informationen eines einzelnen Soldaten oder der Befehlshabern vor Ort (z.B. der Kommandant eines Schiffes) abzugreifen. Ferner wird von diesen Stellen in der Theorie auch eine aktive Einflussnahme auf laufenden Operationen/Übungen in nahezu Echtzeit möglich. Dies ist letztendlich aber nicht eigentlicher Sinn von NetOpFü sondern eher ein, hoffentlich positiver, technischer Nebeneffekt. Eine derartige Kontrolle und massive Eingriffe in militärische Operationen haben sich in der Geschichte generell nicht bewährt, besonders in deutschen Streitkräften nicht und sie widerspricht auch der Auftragstaktik. Deshalb müssen die Entscheidungsträger zuallererst das Prinzip von NetOpFü verstehen, die Streitkräfte allgemein für das veränderte Umfeld ausgebildet werden, bevor die zukünftige technische Vernetzung der Systeme im Einsatz zum Tragen kommen kann. Die Geschichte lehrt uns, dass das beste Material nur so gut ist wie der Mensch der es einsetzt.

Führung bzw. die Führungsfähigkeit ist demnach nur der technologische und organisatorische Teil der nationalen und internationalen Interoperabilität innerhalb von NetOpFü und unterteilt sich dabei in die Führungsorganisation[2], das Führungspersonal, die Führungsverfahren[3] und die Führungsunterstützung[4]. Führungsfähigkeit verbunden mit Informationsüberlegenheit ist eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Aufgabenerfüllung der Streitkräfte bei geringstem Risiko für die eigenen Soldaten. Durch die technologische Weiterentwicklung und die dadurch bedingten Veränderungen im Einsatzgebiet hat dieser Zusammenhang seit der Antike – in den letzten Jahrzehnten speziell durch die Informationstechnologie – stetig an Bedeutung gewonnen. Systeme müssen im Rahmen der Führungsfähigkeit deshalb heute in vielerlei Hinsicht sehr flexibel ausgelegt sein, eine große Quantität und Qualität an Daten verschiedenster Art zur Verfügung stellen können, zugleich aber die Information auf den Bedarf des Endnutzers filtern, also auf das Wesentliche reduzieren, um einen Informationsüberfluss zu vermeiden und die wichtigen Daten für den Menschen als Endabnehmer sofort erkennbar zu machen.

Unter einem Führungssystem (FüSys) versteht man das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten Führungsorganisation, Führungsverfahren und Führungsmitteln[5]. Ein Führungsinformationssystem (FüInfoSys) hingegen ist ein komplexes System von Grundsätzen, Verfahren, Organisationsstrukturen, Personal, Geräten, Einrichtungen und Fernmeldemitteln, welches der Führung auf allen Ebenen rechtzeitig ausreichende Informationen über Planung, Leitung und Überwachung ihrer Maßnahmen liefern muss. Ein FüInfoSys dient damit also der Führungsfähigkeit als ein Instrument im Bereich der Führungsunterstützung und sollte die oben beschriebenen Bedingungen erfüllen.

Die Führungs- und Waffeneinsatzsysteme (FüWES) verknüpfen die Sensoren und Effektoren der Systeme und erzeugen Funktionsketten zur Erkennung, Identifizierung sowie dem notwendigen schnellen und gezielten Bekämpfen eines Zieles. DATA-LINK-Systeme sollen dabei die Übertragung der in FüWES enthaltenen Sensorinformationen als Zieldaten für weitere Plattformen mit teilweise unterschiedlichen Systemen zur koordinierten Bekämpfung sicherstellen. FüWES und DATA-LINK-Systeme sind für alle streitkräftegemeinsame Operationen und zur Vernetzung der Sensoren und Waffen zu einem Wirkverbund an Land, in See und in der Luft notwendig und müssen mit den verwendeten Führungsmitteln harmonisieren. In der Vor- und Nachbereitung sowie der Durchführung der internationalen Einsätze werden dafür interoperable Netzwerke benötigt, die im Verbund mit multinationalen IP-basierenden Netzwerkstrukturen mit unterschiedlichen Sicherheitsstufen Informationen austauschen können.

Führungs- und Informationssysteme gab es in ersten Ansätzen schon ab 1914, aber erst mit den Entwicklungen der Informationstechnologie (IT) nach 1945 war die technische Umsetzung der FüInfoSys im heutigen Sinne möglich. Sie haben den beispielsweise den Stellenwert von Panzerung, Bewaffnung und Größe der Waffenträger und die Bedeutung bezüglich ihrer Kampfkraft in der Folge nachhaltig verändert, erforderten gleichzeitig aber auch eine veränderte Führungsorganisation. Ein unvollständiges Lagebild der Führer an Bord und an Land, ungelöste Fragen der Führungsorganisation sowie eklatante Missgriffe bei der Nutzung der vorhandenen Führungsmittel, machten in der deutschen Geschichte beispielsweise den Kampfwert des Schlachtschiffes Bismarck irrelevant – das für seine Zeit leistungsfähigste Waffeneinsatzsystem wurde als Einzelfahrer an der Achillesferse getroffen. Ein nuklearer Flugzeugträger ohne den Schutz von zusätzlichen Einheiten über und unter Wasser sowie in der Luft, wäre auf offener See ebenfalls nichts mehr als eine, zugegeben sehr große, Zielscheibe. Erst der Verbund verschiedener Seekriegsmittel mit ihren unterschiedlichen Möglichkeiten kann die Vorteile aller vorhandenen Systeme effektiv zum Einsatz bringen und die einzelnen Schwachstellen ausgleichen. Internationale und streitkräftegemeinsame Operationen erfordern deshalb die Interoperabilität der nationalen FüSys, FüInfoSys und FüWes untereinander sowie auf internationaler Ebene, wobei dies auch nicht mit Kompatibilität[6] verwechselt werden darf. Interoperabilität von Systemen zur automatisierten Datenverarbeitung ist deshalb auch eine Voraussetzung für multinationale Einsätze der NATO.

Grundlage von Interoperabilität ist ein einheitlicher Standard. Im Allgemeinen ist Standard ein Synonym für eine technische Normung mit Bedeutung bei den Industrie- und Rüstungsstandards sowie den herstellerspezifischen (proprietären) Standards. Letzter Punkt zielt allerdings mehr in Richtung des Urheber- und Lizenzrechtes, während es bei der nationalen und internationalen Verwendung sowie in der NATO dabei um die beschlossene, allgemein gültige Regelung – die Normierung – geht. Die Bedeutung der Standardisierung ist ebenfalls in der Geschichte schon früh erkannt, aber bis heute meist selten auch konsequent umgesetzt worden.

Am 5. September 1909 erließ z.B. der Admiral von Tirpitz eine Anweisung zur einheitlichen Ausstattung der deutschen Flotte und im weiteren Verlauf wurden auf dem deutschen Uboot UB-7 dann 1915 neue Funkstationen der Firma LORENZ vorgeführt. Die österreichungarische k.u.k. Kriegsmarine entschloss sich aus Gründen der Standardisierung aber bei den deutschen Systemen von SIEMENS & HALSKE zu bleiben, die bis dahin sehr gute Verbindungen in der eigenen Flotte sowie mit den deutschen Schiffen gewährleistet hatten. Gerade im 1. Weltkrieg gab es große Probleme durch die unterschiedlichen Systeme der Hersteller, was sich jedoch leider bis in unsere Zeit hinzieht. Das russische Kalschnikow-Gewehr kann beispielsweise die NATO-Standardmunition 7,62mm verwenden, während umgekehrt die Gewehre der NATO-Nationen die russische Munition aufgrund der längeren Patronenhülse nicht verwenden können. Des Kaisers Zeiten sind sicherlich vorbei, aber hier ist auch heute noch großes Potenzial für Verbesserungen und Einsparungen.

Nationale Standardisierung ist innerhalb der EU im zivilen Sektor nur noch bedingt sinnvoll und meist nicht mehr zeitgemäß. Das European Committee for Standardization (Centre European des Norms, CEN) ist eines der drei Europäischen Standardisierungsorgane. Wo früher in der Bundesrepublik Deutschland die DIN Regelungen erarbeitete, haben heute die Organisationen CEN und CENELEC, für die Telekommunikation insbesondere das ETSI, diese Aufgabe staatenübergreifend übernommen. Das deutsche Reinheitsgebot ist für die Bierbrauereien heute deshalb kein Standard, sondern nur mehr eine Beschreibung der Herstellung. Der Vorteil einer einheitlichen europäischen Währung ist vielleicht ein besseres Beispiel, das zugleich die Problematik (Währungsumtausch) aufzeigt, wenn ein Land auf seinem nationalen Standard bzw. seiner Währung beharrt.

Nato-Standardisierung wird definiert als der Prozess der Entwicklungskonzepte, Doktrinen, Prozeduren und Designs, wofür eine umfangreiche Organisation geschaffen wurde, mit welcher die NATO durch ihre NATO Standardisation Agency (NSA, vormals ADSIA) für alle beteiligten Nationen verbindliche Standards festlegt. Aufgabe der NSA ist die Einleitung, Koordination, Unterstützung und die Administration der Aktivitäten im Bereich der Standardisierung unter dem NATO Committee for Standardisation (NCS) und der NATO Standardization Organisation (NSO). Ziele sind Pflege und Erweiterung der existierenden NATO-Standards zur Verbesserung der kombinierten operationellen Effektivität und technischen Interoperabilität der NATO-Streitkräfte. Die NATO C3 ORGANISATION (NC3O) wurde 1996 gegründet und soll in Zusammenarbeit die NATO-weite kosteneffektiven interoperablen, sicheren und gemeinsamen C3-Fähigkeiten garantieren.

Das wichtigste Produkt aus den Prozessen der NSA sind also die von den beteiligten Nationen unterzeichneten Vereinbarungen und Verträge zur Interoperabilität, welche als Standardisation Agreement (STANAG)[7] bezeichnet werden. In der NATO aber auch national werden dabei:

  • Operationell militärische Zielsetzungen, Doktrinen und Verfahren
  • Prozedural Formen der Informationsübermittlung, standardisierte Informationssprache und Verfahren
  • Technische Übertragungsmedien und Dienste zum Herstellen und Aufrechterhalten der Verbindung

unterschieden.

Für die Erarbeitung eines STANAG werden unter Leitung der NSA entsprechende Komitees und Arbeitsgruppen für die Zuarbeit in der Standardisierung gebündelt. Über 40 Arbeitsgruppen sind im operationellen Bereich für streitkräftegemeinsame, heeres-, marine- oder luftwaffenspezifische Fragen eingebunden. Die Arbeitsgruppen wie auch die Ausschüsse werden durch Experten aus den einzelnen Nationen und ihren Dienststellen besetzt, um die gemeinsamen Doktrinen, Verfahren und Standards zu entwickeln. Das von allen Nationen verabschiedete STANAG und die betroffenen Vorschriften sind national für NATO-Operationen und Ausrüstungen der Streitkräfte bindend.

Das NATO Consultation, Command and Control Board (NC3B) bildet mit Vertretern aller NATO-Staaten die Spitze für die NATO C3 Organisation (NC3O), in der die Vorgaben für den NATO Interoperability Management Plan, das NATO Rolling Interoperability Programm und das NATO C3 Interoperability Environment erarbeitet werden. Organisatorisch darunter befinden sich das Interoperability Sub-Committee (ISC), Information Systems Sub-Comittee (ISSC) und darin letztendlich die Message Text Format Working Group (MTFWG), welche für die Allied Data Publication 3 (ADatP-3) u.a. nach dem STANAG 5500 zuständig sind. Die ADatP-3 und mit ihre verwandten Vorschriften legen die Regeln für den zeichenorientierten formatierten Informationsaustausch (ZOIA) fest. Die nach diesen Regeln erstellten Spruchtextformate (Message Text Format, MTF) werden in der ADatP-3-Datenbank der NATO abgespeichert und auf CDs den einzelnen Nationen zur Verfügung gestellt.

Schon diese kurze und noch unvollständige Darstellung lässt den immensen organisatorischen und bürokratischen Aufwand erahnen, den die NATO für die gesamte Standardisierung und zur Sicherstellung der Interoperabilität geschaffen hat. Aufgrund des Arbeitsumfanges und der Bedeutung der Interoperabilität und wurden in den USA für die Streitkräfte extra entsprechende Einrichtungen (Center for Tactical Systems Interoperability) geschaffen, die für STANAGs und Vorschriften wie die ADatP-3 zuständig sind. Der Prozess zur Erstellung eines STANAG ist also sehr umfangreich und zeitintensiv, hat aber den großen Vorteil, dass diese Standards innerhalb der NATO bindend sind, da alle beteiligten Nationen zuvor ihre nationalen Interessen auf ministerieller Ebene vertreten können und ihre Zustimmung geben müssen, bevor das Dokument in Kraft tritt.

In der logischen Folge sollten diese STANAGs als nationale bzw. streitkräftegemeinsame Grundlage genutzt werden. Nur die nationalen Systeme, Verfahren und ihre Entwicklungen, die sich top-down zuerst an den NATO-Standards orientieren, können internationale Interoperabilität auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner garantieren. Erst auf nationaler Ebene dürfen STANAGs durch Kryptoverfahren/-geräte sowie Gateways und Firewalls bzw. Netzwerke für die hoheitlichen Sicherheitsinteressen eines Staates wieder abgegrenzt werden. Systeme die den STANAGs entsprechen, können nach nationalen Forderungen und Bedürfnissen bei der Planung und beim Bau neuer Einheiten erweitert oder verändert werden und bieten dann immer noch genügend Spielraum für die Entwicklungen deutscher Unternehmen und Aufträge für die heimische Wirtschaft. Ihre Einhaltung vermeidet dabei gleichzeitig die immensen Kosten für Nachrüstungen im Bereich der IT-Systeme bei internationalen Einsätzen. Nur dadurch sind eine internationale Zusammenarbeit in der NATO sowie Optionen zur nationalen Abgrenzung mit den geringen finanziellen Mitteln heute überhaupt noch möglich.

In seinem Artikel zur Indienststellung der F-124 beschreibt Dieter Stockfisch[8] das Einsatzsystem (Combat System) als Technologiesprung im Marineschiffbau: „Die offene Architektur des Einsatzsystemes lässt es zu, automatische Handlungsabläufe im Vorfeld des operativen Einsatzes zu definieren und diese später an Bord, angepasst an die taktisch-operativen, technischen, geografischen Gegebenheiten oder an einen veränderten Auftrag, zu definieren.“ Diese wohl weltweite Innovation der Anpassung gilt aber nur national und intern an Bord von drei Einheiten, die Anpassungsfähigkeit muss jedoch auch und primär im Hinblick auf die Standards der NATO vorhanden sein.

Nun erwähnt Karlheinz Lippitz[9] in seinen Artikel, „dass sich Deutschland und die Niederlande trotz wiederholter Anstrengungen nicht auf eine gemeinsame operative CDS[10]-Software (››Führungs- und Waffeneinsatzsystem‹‹) einigen konnten“ und dass die Kooperationspartner in Lessons-Learned-Seminaren die Erfahrungen austauschen, um zukünftige Fehler zu vermeiden. Vielleicht kann dem Beispiel der Fregatten F-124 in so mancher Hinsicht nachgeeifert werden, das CDS in Verbindung mit der Fernmeldekomponente (IMUS)[11] und ihre Anpassungsfähigkeit an verbindliche STANAGs der NATO sind kritischer zu betrachten. Die Artikel von Flottillenadmiral Kronisch[12] und Sidney E. Dean[13] bergen, gemeinsam betrachtet, hingegen einen Lösungsansatz für die zukünftigen Systeme der Deutschen Marine sowie für streitkräftegemeinsame Vorhaben.

Admiral Kronisch vermerkte in seinem Artikel, dass die zentralisierte Organisation in erster Linie aus Ressourcenmangel, also wirtschaftlichen, nicht operativen Überlegungen entsteht, woraus man entnehmen kann, dass operative Erfordernisse einer einzelnen Teilstreitkraft im Gesamtbild der SKB verloren gehen können. In der Geschichte haben Streitkräfte, die politisch zu offensiven Zwecken ausgerichtet wurden, deshalb möglichst eigenständige Teilstreitkräfte (z.B. im Bereich Logistik, Ausbildung…) aufgebaut und die zentralen Dienste eher vernachlässigt. NATO Responce Forces (NRF) oder nationale Krisenreaktionskräfte (KRK) sind aber Offensivkräfte mit der Aufgabe in Konflikten schnell aktiv zu intervenieren, weshalb sie möglichst eigenständig und autark gegliedert sein müssen. Dort verwendete FüWES und Führungsmittel können durchaus teilstreitkraftspezifisch sein, solange sie in die zentralen Dienste eingebunden werden können und damit einem gemeinsamen Lagebild (z.B. CROP/GRELL) dienen. Ob ein System beispielsweise lediglich auf drei Ubooten oder Fregatten installiert wird, in den NRF, in nationalen KRK, in der gesamten Bundeswehr oder sogar in NATO eine Verwendung findet, ist völlig gleichgültig, wenn die inter- und/oder multinational vereinbarten Standards beachtet werden, welche die Interoperabilität der Systeme übergreifend gewährleisten können.

Die Praxis zeichnet leider oftmals ein anderes Bild, wobei neben der Missachtung von Standards auch die finanziellen Mittel wieder eine Rolle spielen. Wenn man heute z.B. von einem IT-SysBw als ein Kind streitkräftegemeinsamer Anstrengungen spricht, so muss es ebenfalls den Spezifikationen und NATO-Standards entsprechen, darf aber erst in zweiter Instanz auf bereits vorhandene, nationale Systemlösungen achten, die oftmals auch veraltete Komponenten enthalten. Andererseits müssen auf Grund der knappen finanziellen Ressourcen ältere Systeme eingebunden werden, wenn neue Beschaffungen als Ersatz nicht möglich sind. Bei jeder Geburt geht letztendlich etwas verloren, der Gewinn sollte dabei aber überwiegen.

In einem für mich stellvertretenden Beispiel nennt Admiral Kronisch ferner die fehlende Interoperabilität von einem national entwickelten Gerät im Einsatz Enduring Freedom und zitiert außerdem aus dem Erfahrungsbericht eines deutschen Verbandführers:

Alle Kommunikationsmittel außerhalb des altbewährten Fernschreibwesens weisen, wenn überhaupt, nur geringe Strukturierung oder Formatierung auf. Das Herausfiltern der Kerninformationen aus solchen Quellen wird dadurch erheblich erschwert.

Das multimediale Führungszeitalter mit VTC, dem Chat oder auch der E-Mail ist für das menschliche Auge und die Sprache mit ihrem Satzbau optimiert. Sprache kann in vielen verschiedenen Nuancen identische bzw. ähnliche Bedeutungen formulieren. Geringste Veränderung im Satzbau, der Betonung oder der Wortwahl auf der Seite des Senders, ein in einer anderen Kultur aufgewachsener Empfänger, bei dem u.U. auch noch die Gefühlslage einen Einfluss auf die Deutung der empfangenen Nachricht haben kann, lassen allerdings eher das Missverständnis zum Standard werden. In zwischenmenschlichen Beziehungen wie einer Partnerschaft, aber auch im Dienst/Beruf erleben wir dabei ständig die Konfliktfälle der daraus resultierenden unterschiedlichen Interpretationen. In ähnlicher Weise wird auch ein Bild von jedem Betrachter anders gedeutet.

Aus dieser Erkenntnis favorisiert auch der erfahrene deutsche Verbandsführer im Beispiel des Admiral Kronisch deshalb die Spruchtextformate nach ADatP-3 bzw. aus dem Fernschreibwesen. Ein formatierter Spruchtext bzw. ein MTF enthält in seiner Bezeichnung den ersten Hinweis auf seine Verwendung und Zuordnung, hat an genau definierten und damit bekannten Positionen die wichtigen Informationen. Es ist außerdem von Menschen noch lesbar bzw. von den IT-Systemen automatisch auswertbar. An vordefinierten Positionen des MTF müssen wichtige und notwendige Informationen zwingend eingegeben werden, andere sind optionale Komponenten und auch freier Text kann ergänzend verwendet werden. Die korrekte Bearbeitung eines MTF kann durch verschiedene Softwareprodukte vor dem Versenden und auch nach dem Empfang überprüft werden. Die automatische Verarbeitung dieser Spruchtextformate in FüWES birgt ferner eine enorme Einsparung an Personal und Kosten, weshalb die NATO in der Zukunft verstärkt auf die Verwendung von MTF nach ADatP-3 hin arbeitet. Um rechnergestützt diese formatierten Spruchtexte nach dem NATO-Standard ADatP-3 zu erzeugen, zu empfangen und auszuwerten, verwendet die Bundeswehr als Standard die Software IRIS. In der Deutschen Flotte ist diese Software z.B. in FORMASSK[14], in Komponenten des MCCIS[15], im IMUS F-124 bzw. auch dem EGV sowie auf Einzelplatzrechnern verfügbar.

Die NATO-Vorschrift ADatP-3 wird ständig verbessert und verändert, um den technischen Standards der Softwareentwicklungen und den Bedürfnissen der NATO sowie den nationalen operativen Erfordernissen zu genügen. Dadurch erhöht sich die Anzahl der vorhandenen Spruchtextformate stetig, bereits bestehende Spruchformate werden verändert bzw. entfallen und neue MTF kommen hinzu. Dies hat zur Folge, dass ca. alle 2 Jahre neue Spruchtextformate in einer Version der ADatP-3 von allen Nationen ratifiziert werden, die dann als Standard auch national verbindlich sind. In den Systemen FORMASSK, IMUS oder auch in Einzelplatzrechnern mit der Software IRIS werden die veränderten Spruchtextformate bzw. MTF lediglich importiert, abgespeichert und stehen dann den Operateuren zum Informationsaustausch zur Verfügung. Die erhebliche Automatisierung in der Abwicklung des Fernschreibverkehrs stößt aber bei der Weitergabe der Informationen an die Datenbanken der FüWES oft an eine Grenze. Dieses Problem wird auch in der NATO selbst vielleicht erst mit neuen Softwaretechnologien wie XML o.ä. gelöst werden können. In den Information Command Systems (ICS) nutzen die CDS zur automatischen Verarbeitung von Informationen aus den Spruchtextformaten z.B. die Fernmeldekomponente IMUS. Durch konsequente Anwendung von Normen und NATO- sowie Industriestandards sollte hier eigentlich eine Herstellerunabhängigkeit ermöglicht und die folgenden Ziele erreicht werden:

  • Nutzung neuer Technologien
  • Anpassung an geänderte Systemanforderungen
  • Flexibilität bei der Konfigurierung von Systemkomponenten (Hardware und Software)
  • Portabilität der Software
  • Verwendung von COTS[16] – Produkten

Insellösungen dürften nur dann verwendet werden, wenn die erforderlichen Leistungsparameter anders nicht erfüllt werden können oder die Integration von Komponenten dies nicht zulässt. Die Abhängigkeiten von der Industrie treten durch Systeme ein, die beispielsweise jede Veränderung in den NATO-Vorschriften nur durch Implementierung, d.h. neue, kostenintensive Programmanpassungen der CDS über die Industrie abgefangen werden können, wofür das BWB zuerst neue Verträge schließen und die Marine neue Finanzen bereitstellen muss. Stehen keine Finanzen für die Anpassungen zur Verfügung, können die veränderten Daten in der Folge nicht mehr ein- bzw. ausgangsseitig zum IMUS verarbeitet werden und die Interoperabilität ist international und national nicht mehr gewährleistet. Dies bringt uns zu Sidney E. Dean, der in seinem Artikel CVN-21, Flugzeugträger für das 21. Jahrhundert, hierzu passend Admiral Dennis Dwyer zitiert:

„Die technischen Systeme basieren weitestgehend auf handelüblicher Elektronik und sind so ausgerichtet, dass stets neue Technologie und neue Systeme hinzugefügt werden können. Bislang kauften wir bei einem Trägerbau gleich zu Beginn die ganze Elektronik und bauten dann das Schiff, nur um nach sieben Jahren ein Schiff mit veralteter Elektronik zu übergeben. Nun wollen wir die elektronische Ausstattung getrennt vom Schiffbauprozess handhaben.“

Die Vereinigten Statten von Amerika haben ihr Budget für das Militär in den letzten Jahren stetig erhöht, werden jedoch langfristig dafür auch in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht ihren Preis zahlen müssen. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland versucht hingegen auch in den Streitkräften stetig neue Einsparungen umzusetzen. In beiden Fällen sind die üblichen Verfahrensgänge für die Beschaffung der notwendigen militärischen Ausrüstung sowie im Personalwesen bezogen auf den Aufwuchs von Führungsdienst- bzw. IT-Personal den Herausforderungen nicht mehr gewachsen und müssen ebenfalls an die veränderten Situationen angepasst werden. Die sicherzustellende Führungsfähigkeit muss also auf allen Gebieten an das NetOpFü des 21. Jahrhundert angepasst werden. Hier sollten wir aus den Erfahrungen der USA lernen, die wesentlich größere Ressourcen haben, trotzdem diese Wege beschreiten müssen und es im Beispiel des CVN-21 auch tun.

NATO-Standards können aber nicht die Lösungen für alle Probleme bergen, denn teilweise werden durch die technologischen und organisatorischen Alleingänge der USA sowie das Primat der Politik bei den wehrtechnischen Entscheidungen die STANAGs umgangen. Als Global-Player führen die US-Streitkräfte immer wieder national neuartige Systeme und Verfahren nach ihren Erfordernissen ein, die dann durch die breite US-Verwendung quasi zu einem Standard werden. Die USA wissen aber auch, dass die Einbindung der anderen Nationen und der NATO in ihre Systeme letztendlich notwendig ist, weshalb meist parallel versucht wird, die Neuerungen über die nationalen Vertreter auch in den NATO-Gremien als Änderung oder auch in die entsprechenden STANAGs einzubringen. In internationalen Einsätzen müssen die anderen Nationen diese neuen Systeme folglich entweder auch einführen oder zumindest temporär ihren Einheiten zur Verfügung stellen, wenn einer gemeinsamen Operation überhaupt ein Erfolg beschieden sein soll. Nationale Insellösungen anderer Staaten, die aus wirtschaftlichen Überlegungen zum Schutz der eigenen Industrie gewählt wurden, haben hingegen nur sehr geringe Chancen als NATO-System umgesetzt zu werden.

Zusammenfassung:

In internationalen Einsätzen können der Deutschen Marine sowie den deutschen Streitkräften insgesamt die technologisch innovativen und modernen Führungsmittel in Zeiten knapper finanzieller Ressourcen und rasanter Technologieentwicklung nur garantiert werden, wenn COTS-Produkte verwendet sowie Insellösungen vermeiden werden und zuallererst in den Planungen die internationalen – hier allen voran die NATO-Standardisierung – Beachtung finden. Diese Grundbedingung sichert die Interoperabilität zwischen Marine, Luftwaffe und dem Heer nicht nur national sondern auch im Hinblick auf die NATO sowie in multinationalen Umgebungen.

Dies gewinnt „auf dem Weg zu einem gemeinsamen europäischen Rüstungsmarkt[17] noch größeres Gewicht, da dieser nach politischer und wirtschaftlicher Umsetzung nur nach den Prinzipien einer Standardisierung (Beispiel AIRBUS) funktionieren kann. Es dürfen neue europäische Standards aber auch nur für Bereiche geschaffen werden, die nicht durch internationale oder NATO-Standards bereits abgedeckt sind. Eigene nationale, internationale, europäische und dazu noch parallel oder überschneidende NATO-Standardisierung machen keinen Sinn.

Ein Kommandant trägt immer die Verantwortung für seine Besatzung, hat aber kaum einen Einfluss auf die ihm zur Verfügung gestellten Mittel und wird auch einem Einfluss seiner Befehlgewalt zum Waffeneinsatz an Bord durch NetOpFü sicherlich sehr kritisch gegenüber stehen. Wenn das Parlament den Einsatz und die Haushaltsmittel der Streitkräfte bestimmt, so muss der militärischen Führung (Generalinspekteur, Inspekteure) entsprechend ein Primat in der Beschaffung der geeigneten Mittel (z.B. zur Herstellung der Interoperabilität u.a.) zugestanden werden, da hier primär die Expertise aus der Truppe zur Vorbereitung, dem Einsatz und der Ausbildung der Technologien vorhanden ist.

So wird man auch in diesem Falle gut tun, sich weniger von Konferenzen, Plänen, Verträgen zu erhoffen, als von umfassenden Antrieben.“ Der Satz von Ernst Jünger war zwar auf die Politik in einem anderen Zusammenhang gewählt worden, doch kann er hier auch auf die “Reformen” und die “Transformation” der Bundeswehr oder anderer Streitkräfte angewendet werden. Ob Antrieb oder international vereinbarter Standard, wir müssen uns national danach ausrichten und orientieren, wenn die nationale Rüstungsindustrie auf dem Weg in den gemeinsamen Rüstungsmarkt nicht in der Bugwelle unterschneiden und in Zukunft die Interoperabilität der Systeme mit den immer geringeren finanziellen Ressourcen noch erreichbar sein soll !


[1] IT-System: die Zusammenfassung der Kräfte, Mittel und Verfahren für die Verarbeitung, Übertragung oder Vermittlung von Informationen zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe

[2] Regelungen zur Kommandostruktur, zu Unterstellungsverhältnissen, zu Aufgaben des Führungspersonals und zu Führungseinrichtungen

[3] Strukturierte und systematische Denk- und Handlungsabläufe

[4] Aufgabenbereich zur Sicherstellung der Führungsfähigkeit

[5] IT-gestützte Einrichtungen, Geräte und Verfahren zur Verarbeitung, Übermittlung und zum Schutz von Informationen

[6] Fähigkeit von Informationsmitteln und Datenverarbeitungsprogrammen ohne besondere Anpassungsmaßnahmen, in zwei oder mehreren Teilen oder Baugruppen einer Ausrüstung oder eines Gerätes, innerhalb eines Systems oder der gleichen Umgebung austauschbar zu sein und ohne gegenseitige Störung nebeneinander ihre Funktion zu erfüllen. Es wird dabei unterschieden nach Hardware-, Programm- und Informations-/Datenkompatibilität

[7] Siehe auch Artikel von Lorenz Petersen, Klassifizierung von Marinefahrzeugen, Beitrag zur Sicherheit und Umweltverträglichkeit, Bauaufsicht nach NATO-STANAG, MarineForum 12/2004

[8] Soldat und Technik 11/2004

[9] Fregatten Klasse 124 vor ihrer Indienststellung, Marine Forum 11/2004

[10] Combat Direction System

[11] Integriertes Message Unterstützungssystem

[12] Umsetzung der Transformation in der Flotte, Marine Forum 10/2004

[13] CVN-21, Flugzeugträger für das 21. Jahrhundert, Marine Forum 10/2004

[14] Formatierungshilfe für Seestreitkräfte

[15] Maritime Command and Control System

[16] Commercial-Of-The-Shelf, handelsübliche Produkte

[17] Christian B. W. Stuve, Strategische Außenhandelspolitik, Marine Forum 12/2004

Veröffentlicht am 10.10.2008 im Marineforum

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