Einsparpotential

Einsparpotential

In den Medien, in der Politik, in den Ministerien, allerorts wird aufgrund des Haushaltsdefizits und des geringen Wirtschaftswachstums von Einsparpotentialen gesprochen. Was aber ist mit “Einsparpotential” eigentlich gemeint?

MS-Word markiert das Wort “Einsparpotential” oder auch “Sparpotential” fehlerhaft in Rot, kennt also keine Lösung und auch der Suchgigant Google liefert kein eindeutiges Ergebnis zum Wortstamm oder einer Bedeutung. Bei der Suche nach „Sparpotential“ wird zumindest als Suchbegriff eine Alternative „Störpotential“ angeboten; eine semantische Suchmaschine zeigt sich hingegen völlig überfordert: „Wolfram|Alpha doesn’t know how to interpret your input“.

Betrachten wir die Wörter getrennt. Zunächst das Wort „Sparen“, welches allgemein beschrieben wird, als „das Zurücklegen momentan freier Mittel zur späteren Verwendung“. Das hab’ ich verstanden! Es gibt demzufolge im Verteidigungshaushalt derzeit Mittel, welche für eine spätere Verwendung zurückgelegt werden sollen/können.

Das Wort „Potential“ ist in der Physik die Fähigkeit eines Kraftfeldes, eine Arbeit zu verrichten (lat. von potentia „Macht“, „Kraft“, „Leistung“). Im Zusammenhang mit Einsparen oder zu Finanzen oder Banken steht aber keiner der verlinkten Beiträge. Dies mag vielleicht daran liegen, dass das Potential in Verbindung zum Wort „Leistung“ und nicht „Krise“ oder „Fauler Kredit“ steht.

Die Wortbedeutungen zusammengefügt, hat das  “Einsparpotential” anscheinend „Macht“ über „freie Mittel“ oder kann die vorhandene „Kraft“ bzw. „Leistung“ in irgendeiner Form abspeichern. Diese Analyse erscheint zu gewagt, deshalb der Versuch einer eigenen Definition: „Einsparpotential sind freie Mittel für eine Leistung!

Dieser Lösungsansatz muss jedoch sofort verworfen werden, da er, im Zusammenhang „Haushaltsdefizit“ und „geringem Wirtschaftswachstum“ zu offensichtlich im Widerspruch steht. Die Berichterstattung zu den humanitären sowie den militärischen Einsätzen der Bundeswehr erwähnt gar „Defizite“ anstelle der „freien Mittel“. Eine “Einsparpotential”-Verschiebung hin zum „Defizit“ verlagert eventuell nur die Problematik und erscheint deshalb denkbar ungeeignet.

Das Wort “Einsparpotential” wird, bei steigender Anzahl und Umfang der Bundeswehreinsätze, vermehrt verwendet und scheint deshalb in einer direkten Abhängigkeit zu stehen. Beispiel ISAF-Einsatz: Die Personalobergrenze des deutschen Kontingents wurde auf 5.350 Soldaten erhöht, das Mandat verlängert und die Mittel für den zivilen Aufbau Afghanistans auf 430 Millionen Euro jährlich nahezu verdoppelt. Die Begriffshäufungen des “Einsparpotentials” lassen einen direkten Zusammenhang also vermuten.

Eine Suche nach „Haushalt“ und „Wirtschaftswachstum“ in Verbindung mit dem Militär brachte schließlich eine Lösung in der „Kompaniewirtschaft“, mit der Armeen im 18. Jahrhundert durch den Kompaniechef finanziert wurden. Der Disziplinarvorgesetzte erhält vom Staat eine Geldsumme („Pauschquantum“), mit der er alle Ausgaben seiner Abteilung bestreiten muss. Die erwirtschafteten Einsparungen kann er legal dem eigenen Vermögen zufließen lassen. Es obliegt dann allein den unternehmerischen Fähigkeiten des Dienstposteninhabers, ob seine Gehaltsbescheinigung ein Gewinn- oder Verlustgeschäft ausweist.

Generalfeldmarschall von Gneisenau erzielte beispielsweise einen Reingewinn von jährlich 2.000 Talern, also etwa 20 Jahreslöhne eines gut verdienenden Handwerkers. Gerade im Auslandseinsatz schien sich dies sich zu bewähren, denn der Oberst von Hügel war, als Chef des Infanterie-Regimentes Württemberg der Niederländischen Ostindien-Kompanie, gleichzeitig auch Inhaber von Weinschenken, Bäcker-, Metzger-, Schneider- und Schuhmacher-Geschäften. Der schwäbische Geschäftmann belieferte aus diesen Geschäften das Regiment, selbstverständlich mit Gewinn. Vermutlich floss so mancher Taler aus dem Sold mit dem Rebensaft gleich wieder in die Kasse des Weinlokals „Träuble Batavia“ (heute Jakarta).

Heute würde der lukrative Nebenverdienst bei Versetzungen und Beförderungen – selbstverständlich neben den Individuellen Grundfertigkeiten (IGF) – die ausschlaggebende Rolle spielen, denn bevor ein Offizier damals eine Kompanie übernehmen konnte, musste er seinem Amtsvorgänger die vorab geleisteten Aufwendungen für Material und Bewaffnung ausbezahlen. Diese Verfahrensweise wäre eventuell auch bei der Umsetzung der Projekte „Fuhrpark“ und „Herkules“ in Bundeswehr empfehlenswert gewesen.

Reibungspunkte gäbe es sicherlich auch und für die Personalführung eventuell die Frage, ob auch das älteste Gewerbe als Nebenverdienst für beide Geschlechter zulassungsfähig wäre. Beschwerden und Eingaben zur Genehmigung eines „Temporary External Relations Relaxation Office (TERRO)“ an Gleichstellungs- und Wehrbeauftragte/r wären zumindest denk- und die Quotenregelung hier definitiv erfüllbar.

Eine weitere Möglichkeit zur Verminderung der Kosten waren für den Chef die Ausgabe von Urlaubsscheine in militärischen Ruhephasen oder die Freistellung vom Dienst ohne Bezüge, was der heutigen Teilzeitarbeit sehr nahe kam. Leider wurde mit der preußischen Heeresreform 1807 die Kompaniewirtschaft abgeschafft, doch glücklicher Weise die Bundeswehr die Qualitätsmanagementstrategie „Kontinuierlicher Verbesserungsprozess“ (KVP) eingeführt. Entsprechende prämierte Vorschläge können gestellt werden.

Mit gleichzeitiger Abschaffung der Wehrpflicht könnten die Mannschafts-, Unteroffiziers- und Portepeeunteroffiziersränge entfallen und die Gesamtstärke auf geforderte 170.000 Soldatinnen und Soldaten reduziert werden. Bei derzeit ungefähr 208 Generälen und Admirälen entspricht dies fair aufgeteilt einem Personalumfang von 800+ und damit der Bataillonsstärke. Da diese meist im Rang eines Oberstleutnants / Fregattenkapitän geführt wird, besteht definitiv weiteres „Einsparpotential“.

Die Kompaniewirtschaft in Verbindung mit Teilzeitfunktionalität eröffnet damit völlig neue Perspektiven in der Transformation von Stabsoffizieren zu Hotelmanagern und Offizieren des militärfachlichen Dienstes zu qualitätsbewussten Winzern mit eigenem Weinberg. Wer glaubt dies seien Irrgespinste eines von Haushaltsdebatten frustrierten E-Mail-Sachbearbeiters, dem seit gesagt, das es den Beruf als Teilzeitoffizier in anderen Streitkräften, wie z.B. in Dänemark, bereits eingeführt wurde.

Die Kompaniewirtschaft hat meines Erachtens deshalb definitiv „Einsparpotential“ – was auch immer das sein mag. Die Google-Meldung: „Der Artikel „Einsparpotential“ existiert nicht in diesem Wiki. Du kannst den Artikel erstellen.“, gibt zumindest Hoffnung, dass sich jemand des Themas annimmt.

Veröffentlicht im Marineforum 11-2010

© Joachim Beckh

 

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